Zu Fragen der Zeit in Wort und Bild

Überfällige Antworten

29. April 2009

Günter Nicke                        guenter@nickes.de                        www.nickes.de
April 2009

  • Überfällige Antworten
  • Sie sind herzlich eingeladen, sich nach dem Lesen dreier Literatur- bzw. journalistischer Beiträge, die nur insofern etwas mit einander zu tun haben, als sie existenzielle Fragen unserer Zeit behandeln, sonst aber hier völlig zufällig nacheinander aufgeführt sind, mit mir um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu bemühen.
  • Dabei würde ich mich freuen, mit Ihnen auf der Grundlage meines den drei Beiträgen folgenden Antwortversuchs in einen Gedankenaustausch zu treten.
  • Aber lassen Sie uns zunächst die Beiträge lesen:
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  • Der Zorn der Verdammten
  • Aus „Blick aus meinem Fenster“ von ORHAN PAMUK
  • Katastrophen stärken, scheint mir, das Zusammengehörigkeitsgefühl im Menschen. Nach den großen Istanbuler Bränden in meiner Kindheit oder dem Erdbeben vor zwei Jahren trieb es mich sofort hinaus, um die Katastrophe mit anderen zu teilen, über sie zu sprechen. Diesmal, als die Zwillingstürme in New York brennend einstürzten, saß ich in einem kleinen Istanbuler Raum, in einem Kaffeehaus neben einer Anlegestelle, dessen Kunden meistens Pferdekutscher, Tuberkulosekranke und Lastenträger sind, und fühlte mich vor dem Fernseher schrecklich allein. Gleich nachdem das zweite Flugzeug den Turm gerammt hatte, waren die türkischen Fernsehsender zur Live-Berichterstattung übergegangen. Die kleine Menschengruppe im Kaffeehaus betrachtete die unfassbaren Bilder auf dem Fernsehschirm mit distanziertem Erstaunen, verwundert, aber nicht erschüttert. Einen Augenblick lang war ich versucht, aufzustehen und zu den Leuten im Kaffeehaus zu sagen: »Ich habe zwischen diesen Gebäuden gelebt, bin völlig abgebrannt diese Straßen entlanggebummelt, habe mich mit Leuten in diesen Türmen getroffen - ich habe drei Jahre in Manhattan verbracht.« Aber wie in einem Traum, in dem der Mensch sich immer einsamer fühlt, brachte ich kein Wort heraus.
  • Weil ich nicht mehr ertragen konnte, was dort geschah, und weil ich mit jemandem teilen wollte, was ich gesehen hatte, ging ich auf die Straße. Ich sah in der Menge, die an der Anlegestelle auf den Stadtdampfer wartete, eine Frau, die weinte. Ich spürte sofort an der Stimmung der Frau und an den Blicken der Umstehenden, dass sie nicht weinte, weil ihr jemand in Manhattan nahe stand, sondern weil das Ende der Welt nahe war. In meiner Kindheit, in den Tagen, in denen sich die Kubakrise zum dritten Weltkrieg zu entwickeln schien, hatte ich Frauen gesehen, die in ähnlicher Verzweiflung weinten, während Istanbuler Mittelklassefamilien ihre Speisekammern mit Linsen- und Nudelpackungen füllten. Dann drehte ich mich um, ging wieder in das Kaffeehaus und betrachtete eine Weile wie der Rest der Welt gebannt die Bilder auf dem Fernsehschirm. ‘
  • Später begegnete ich einem Nachbarn auf der Straße. »Orhan Bey hast du gesehen, sie haben eine Bombe auf Amerika geworfen«, sagte er. Dann fügte er aufgebracht hinzu: »Das haben sie gut gemacht!« Dieser keineswegs besonders islamistisch eingestellte Alte ist einer, der versucht, sich mit kleinen Reparaturen und Gartenarbeiten über Wasser zu halten, der abends einen hebt und dann mit seiner Frau streitet. Er hatte wohl die schrecklichen Bilder im Fernseher nicht gesehen, sondern nur gehört, dass jemand den Amerikanern Böses zugerügt hatte. Ähnliches wie seinen ersten Zornesausbruch, der ihm in den nächsten Tagen sicher leid getan hat, habe ich später von zahlreichen Leuten gehört. Ganz selbstverständlich: Wie auch anderenorts sagen in der Türkei zunächst alle wie aus einem Mund, dass dieser Terror barbarisch ist und wie widerwärtig und schrecklich diese Taten sind. Nach diesen Worten, die die Ermordung unschuldiger Menschen verdammen, wird dann verschämte oder zornige Kritik hörbar, die mit einem »Aber« beginnt und sich gegen die politische und wirtschaftliche Rolle Amerikas in der Welt richtet.
  • Es mag schwierig und womöglich ethisch verfehlt sein, über diese Rolle zu streiten, solange alles von einem Terror überschattet wird, der aus seinem Hass gegen den »Westen« einen künstlichen Gegensatz zwischen Islam und Christentum herzustellen versucht und dafür in unfassbarer Grausamkeit unschuldige Menschen umbringt. Aber man möchte doch etwas sagen, denn mit dem Eifer der gerechtfertigten Empörung gegenüber diesem barbarischen Terror werden jetzt Dinge öffentlich ausgesprochen, die dazu rühren können, dass aus einem ganz und gar nicht gerechten Gerechtigkeitsgefühl und nationalistischem Zorn heraus weitere unschuldige Menschen getötet werden.
  • Inzwischen weiß jeder, dass es den künstlich erzeugten Konflikt zwischen »Ost« und »West« nur vertiefen und dem Terrorismus, der bestraft werden soll, nur nützen wird, wenn das amerikanische Militär in Afghanistan oder anderswo unschuldige Menschen bombardiert, um die eigene Bevölkerung zu beruhigen. Es ist heute moralisch inakzeptabel, über den Tod der mit unglaublicher Mitleidlosigkeit umgebrachten Menschen hinweg die amerikanische Herrschaft über die Welt zu hinterfragen. Aber es muss unsere Sache sein, zu verstehen, warum bei den armen Völkern der Welt, marginalisierten Nationen, die ihre Geschichte nicht selbst bestimmen können, Millionen von Menschen so wütend auf Amerika sind - auch wenn es eine blinde Wut ist. Wir sind dabei nicht gezwungen, dieser Empörung stets recht zu geben. Außerdem wird in vielen Ländern der dritten und der islamischen Welt Antiamerikanismus eingesetzt, um vom Fehlen von Demokratie abzulenken und die Macht des jeweiligen Diktators zu steigern. Es ermutigt niemanden, der sich um die Durchsetzung einer säkularen Demokratie in den islamischen Ländern bemüht, wenn Amerika enge Beziehungen zu geschlossenen Gesellschaften anknüpft, die, wie etwa Saudi-Arabien, so handeln, als hätten sie geschworen, der Welt zu zeigen, dass Islam und Demokratie sich nicht vertragen. Genauso hilft ein oberflächlicher Antiamerikanismus - wie etwa in der Türkei -, zu verbergen, dass die Regierenden das Geld, das sie von internationalen Finanzinstituten empfangen, durch Betrug und Unfähigkeit vergeuden und dass der Unterschied zwischen Arm und Reich im Land unerträgliche Ausmaße angenommen hat.
  • Wer heute militärischen Operationen uneingeschränkt zustimmt, die vor allem die amerikanische Kriegsmacht demonstrieren und in einer symbolischen Aktion den Terroristen »eine Lehre erteilen« sollen, wer heute mit dem Vergnügen von Videospielern im Fernsehen diskutiert, welche Ziele amerikanische Flugzeuge wohl bombardieren werden, der muss wissen, dass hastig und unbedacht ergriffene militärische Maßnahmen bei Millionen Menschen in den islamischen Ländern und den armen Teilen der Welt Feindschaft gegen den Westen fördern und ihr Gefühl von Minderwertigkeit und Hilflosigkeit steigern. Was den Terrorismus nährt, der sich einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Barbarei und großer Kreativität bedient, ist weder der Islam noch die Armut selbst, sondern es sind die Gefühle von Hilflosigkeit und Minderwertigkeit, die sich wie ein Krebsgeschwür in den Ländern der dritten Welt verbreitet haben.
  • In der Geschichte der Menschheit war der Unterschied zwischen Arm und Reich nie so groß wie heute. Man mag sagen, dass der Reichtum der reichen Länder ihr eigener Erfolg ist und die Armen der Welt nichts angeht. Aber in der Geschichte der Menschheit wurde den Armen das Leben der Reichen durch Fernsehen und Hollywoodfilme auch noch nie so sehr vor Augen geführt. Man mag einwenden, dass Märchen über das Leben der Könige die Unterhaltung der Armen seien. Noch schlimmer ist aber, dass die Reichen und Mächtigen der Welt noch nie so gerechtfertigt und vernünftig erschienen. Ein durchschnittlicher Bürger eines armen undemokratischen islamischen Landes und ein Beamter in irgendeinem Drittweltland oder einem Reststaat einer alten sozialistischen Republik, der mit Mühe das Monatsende zu erreichen versucht, weiß nicht nur, dass vom Reichtum der Welt auf ihn nur äußerst wenig entfällt und dass er dazu verurteilt ist, ein Leben zu führen, das verglichen mit dem im »Westen« unter sehr viel härteren Bedingungen verlaufen und sehr viel kürzer sein wird, sondern er ahnt in einem Winkel seines Bewusstseins, dass sein Elend seine eigene Schuld oder die seines Vaters oder Großvaters ist.
  • Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung erlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder religiöse Fundamentalisten einzulassen. In diesen fluchbeladenen privaten Bereich können weder die Romane des magischen Realismus, in denen die Armut und Dummheit als liebenswert beschrieben werden, noch der Exotismus populärer Reiseliteratur eindringen. Aber in genau diesem Bereich rührt die Mehrheit der Weltbevölkerung ihr bemitleidenswertes Seelenleben: erniedrigt, geringgeschätzt und mit einem leichten Lächeln, mit Mitleid vertröstet. Heute ist das Problem des »Westens« weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Höhle, welcher Gasse, welcher fernen Stadt einen neuen Anschlag vorbereitet, um dann Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist vielmehr, die seelische Verfassung der armen, erniedrigten und sich stets im »Unrecht« befindenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt.
  • Dabei bewirken Kriegsgeschrei, nationalistische Reden und eilig entfesselte Militäroperationen das genaue Gegenteil. Die neuen Visa - Bestimmungen der Schengen-Länder, Polizeimaßnahmen, die die Bewegungen von Moslems und Angehörigen armer Staaten erschweren, eine misstrauische Haltung allem gegenüber, was islamisch oder nichtwestlich ist, eine grobe und aggressive Sprache, die die ganze islamische Zivilisation mit Terror und Fanatismus gleichsetzt: All das entfernt die Welt jeden Tag weiter vom Frieden. Was einen armen alten Mann in Istanbul - und sei es für einen Augenblick der Empörung - den Terror in New York gutheißen lässt oder einen von israelischem Druck eingeschüchterten palästinensischen Jugendlichen bewundernd zu den Taliban aufschauen lässt, die Frauen mit Salpetersäure das Gesicht verätzen, ist weder die islamische Zivilisation noch der Unsinn, den man als Konflikt zwischen Orient und Okzident bezeichnet, oder gar die Armut selbst, sondern die Ausweglosigkeit, erniedrigt zu werden, sich nicht verständlich machen zu können, nicht gehört zu werden.
  • Auch die reichen Modernisten, die die Türkische Republik gründeten, haben auf den Widerstand der armen und zurückgebliebenen Landesteile nicht mit Verständnis, sondern mit Polizeimaßnahmen, Verboten und Militärgewalt reagiert. Die Modernisierung blieb schließlich unvollendet; es entstand in der Türkei eine Demokratie, in der Verständnislosigkeit regiert. Wenn jetzt der Eindruck entsteht, in der ganzen Welt werde zu einem Krieg zwischen Orient und Okzident aufgerufen, befürchte ich, dass die Welt zu einem Ort wird, der wie die Türkei im dauernden Ausnahmezustand regiert wird. Ich befürchte, dass der selbstzufriedene und selbstgerechte westliche Nationalismus den Rest der Welt zwingt, wie Dostojewskis Mann im Kellerloch zu sagen, dass zwei mal zwei fünf sei. Was den Islamisten, die Frauen das Gesicht mit Salpetersäure verätzen, weil sie es entblößen, am meisten hilft, ist das aggressive Unverständnis des Westens.

  • „Die Welt“ 2.8.2008
  • Die Demokratie – ein Auslaufmodell
  • Immer weniger Deutsche sind von der Demokratie überzeugt. Wer oder was kann sie noch retten?
  • VON HARALD WELZER
  • Demokratie scheint langsam aus der Mode zu kommen, und zwar national wie international. Im Augenblick sieht es jedenfalls nicht danach aus, dass die Schwellenländer, die dem Rausch der Turbomodernisierung frönen, zugleich auch dem demokratischen Gesellschaftsmodell des Westens folgen wollen. Und dort, zum Beispiel in der Bundesrepublik, beginnen immer mehr Bewohner daran zu zweifeln, dass sie in der besten aller denkbaren politischen Welten leben. So hat eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kürzlich ermittelt, dass fast jeder dritte Deutsche der Auffassung ist, die Demokratie funktioniere schlecht; unter den Ostdeutschen waren sogar 60 Prozent dieser Meinung. Ein Viertel der Befragten wollten „mit der Demokratie, wie sie bei uns ist”, nichts mehr zu tun laben. Das sind, wie die sinkende Wahlbeteiligung genauso zeigt wie der Mitgliederschwund in den Parteien, keine zufälligen Befunde, sondern Momentaufnahmen eines Trends: Von der Mitte der 70-er Jahre bis 1990 lag die Demokratiezustimmung stabil bei 75 Prozent, seither hat ein Erosionsprozess begonnen, den nicht nur die Demoskopen, sondern vor allem auch die Parteien registrieren. Die Volksparteien haben in einem Vierteljahrhundert die Hälfte aller Mitglieder verloren, obwohl noch ein komplettes Set an Bundesländern dazugekommen ist. Das muss man erst mal schaffen.
  • Die Rolle der Seismografen bei diesen tektonischen Verschiebungen in der demokratischen Landschaft der Bundesrepublik übernehmen einstweilen noch die üblichen Verdächtigen, also die Langzeitarbeitslosen, Hartz-IV-Empfänger und schlecht Qualifizierten - hier fallen die Umfragewerte zum Demokratievertrauen katastrophal aus. Aber seit das fatale Zusammenspiel von Globalisierungsfolgen, steigenden Energiekosten und fehlender politischer Fantasie zunehmend auch die Mittelschichten in einen gefühlten Abwärtssog zieht, beginnen sich offenbar auch in der Mitte der Gesellschaft Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Systems breit zu machen. Jedenfalls weisen die regelmäßig durchgeführten Umfragen der Gruppe um den Bielefelder Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer nachdrücklich auf ein sich verbreitendes Unbehagen an der Demokratie hin. Hier finden bis zu 90 Prozent der befragten Deutschen, dass die demokratischen Parteien schwierige Probleme schlicht nicht lösen können, und fast alle sind der Auffassung, dass die Eliten vor allem an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert sind. Die Korruption in den Chefetagen großer Konzerne dürfte den Eindruck kollektiver Verantwortungslosigkeit seit der letzten Befragung 2006 ebenso untermauert haben wie die Finanzkrise.
  • Es kommen also zwei Dinge zusammen: die Probleme auf dem Arbeitsmarkt, mit der Energie, mit dem Klima, mit der Zukunft überhaupt, werden größer, und diejenigen, denen man Lösungskompetenz zutraut, werden immer weniger. Dass das Demokratievertrauen schwindet, zeigen mithin nicht einfach wachsende autoritäre Tendenzen an, sondern spiegelt auch die Hilflosigkeit der politischen Eliten, Zukunftsprobleme in den Griff zu kriegen. Genau deshalb erscheint ein Präsidentschaftskandidat wie Barack Obama als Heilsbringer selbst für die, die gar keine Amerikaner sind. Von Charisma, gar von visionärem, ist bei den Becks und Oettingers dieser Republik eben so gar nichts zu sehen. Das ist auch der Grund, weshalb man den Erosionsprozess in Sachen Demokratie ernst nehmen muss: Er spiegelt auf der einen Seite die Zukunftsängste derjenigen, die sich als Modernisierungsverlierer wahrnehmen, zugleich aber auch die realistische Einschätzung, dass die Eliten auch nicht wissen, wie es nun weitergehen soll. Niemand hat zum Beispiel auch nur die geringste Idee, wie den mit Sicherheit steigenden Energiekosten und den damit verbundenen wirtschaftlichen Problemen beizukommen wäre, von den Folgen des Klimawandels zu schweigen. Der Vertrauensschwund in die Demokratie hat Zukunft. Übrigens nicht nur dann, wenn man sorgenvoll durch die Umfragen blättert, sondern auch, wenn man den Blick nach außen wendet und erstaunt feststellt, dass in den sogenannten Schwellenländer das Modell der westlichen Demokratien eines der wenigen Dinge ist, die zu kopieren sich nicht lohnt. Dabei ging die westliche Staatstheorie mit einiger Selbstsicherheit noch bis vor kurzem davon aus, dass der wirtschaftlichen Liberalisierung mit Naturnotwendigkeit auch die politische auf dem Fuße folgen würde - wer „Ja” zum Kapitalismus sagt, so die Theorie, müsse auch die Demokratie in Kauf nehmen, und auf diese Weise, so die Hoffnung, wäre die Welt über kurz oder lang ein einziger großer Westen geworden. Da sind die Chinesen aber anderer Meinung, und ausgerechnet hier stimmen sie mal mit den Russen überein: Kapitalismus geht auch ohne Demokratie, und sogar viel schneller.
  • Die umständlichen Prozeduren der Meinungs- und Urteilsbildung, der Vorlagen, Anhörungen, Feststellungen und Abstimmungen, all das zeitraubende Zeug kann man in Autokratien weglassen und einfach losmodernisieren. Wo hierzulande die Einrichtung eines Windparks zu einer jahrelangen Angelegenheit wird, pflanzt ein Zentralkomitee Kohlekraftwerke im Wochentakt in die Landschaft, und zwar ohne zu fragen, was irgendjemand davon wohl halten mag.
  • Der Verzicht auf Demokratie erweist sich hier nicht als Hemmschuh der Entwicklung, sondern als Modernisierungsbeschleuniger, und wer sieht, wie subtil die chinesische Führung daran arbeitet, das Systemvertrauen durch die Abmilderung von Härten und die Verteilung von Gratifikationen stabil zu halten, wird nicht meinen, dass dieses System nur deshalb verlieren wird, weil es nicht demokratisch ist.
  • So führt die wirtschaftliche Globalisierung zu Verschiebungen in der Tektonik der Weltgesellschaft. Die Länder des traditionellen Kapitalismus driften zunehmend aus dem Zentrum der globalen Veränderungsdynamik und sind schon Zuschauer eines Spiels geworden, in dem sie sich noch für die Hauptdarsteller halten. Ein relativer Machtzuwachs in einem Teil der Welt ist aber gleichbedeutend mit einem relativen Machtverlust in einem anderen, und diese möglicherweise fatale Gleichung wurde in der saturierten Gewissheit über die Erfolgsträchtigkeit des westlichen Modells lange nicht zur Kenntnis genommen, schon gar nicht nach dem scheinbaren Sieg des Westens über den Osten nach 1989. Wer hätte gedacht, wie schnell sich sogar die eigene Welt verändern kann? Zu viel Erfolg macht unaufmerksam.
  • Mit dem Schwinden des Modellcharakters des Westens gerät die Demokratie also auch von außen unter Druck; andere Wege in eine Moderne, die wir gar nicht kennen, zeichnen sich ab, und so wie es aussieht, werden sie zumindest so lange erfolgreich sein, bis die ökologischen Probleme auch dem Turbokapitalismus neuen Typs einen Strich durch die Rechnung machen. Das Auslaufen des westlichen Modernisierungsmodells in globaler Perspektive und das Schwinden des Demokratievertrauens hierzulande haben miteinander zu tun: denn die Globalisierungsverlierer in den westlichen Ländern spüren eben als erste, dass Vertrauen in die Wohlstandsversprechen des Nationalstaates nicht mehr angebracht ist. Ein Facharbeiter konkurriert eben schon längst nicht mehr auf einem lokalen Arbeitsmarkt, sondern auf einem internationalen. Der blitzartige soziale Abstieg, im einstigen Wirtschaftswunderland bloß eine Angelegenheit für irgendwie aus der Bahn Geworfene, wird zum jederzeit möglichen biografischen Ernstfall.
  • Dass sich die Leute in solchen Situationen vom Staat verlassen fühlen, und damit auch von der Demokratie, ist nicht schwer zu verstehen, gerade weil der nicht aufgehört hat, Fürsorgebereitschaft zu behaupten, wo er sie in Wirklichkeit gar nicht mehr leisten kann. Daher muss auch die immer lauter werdende Forderung nach Kompensation der gerade für die unteren und mittleren Einkommensgruppen dramatisch steigenden Energiekosten in Enttäuschung umschlagen: Keine Demokratie der Welt kann dafür einstehen, wenn Ressourcen knapper und damit teurer werden; wenn sie Vertrauen erhalten will, muss sie paradoxerweise sagen, dass sie es nicht kann. Wie verheerend wird es sich also auf die Demokratie in der Bundesrepublik auswirken, wenn bis in die Mittelschichten hinein steigende Energiekosten den Lebensstandard sinken lassen? Was, wenn die Bezieher von niedrigen Einkommen ihre Wohnungen nicht mehr heizen können?
  • Soziale Gebilde, das weiß Jeder aus dem privaten Bereich, sind nie stabil. Sie können schnell in Existenz- und Legitimationsprobleme geraten, und ebenso schnell können sie kaputtgehen, wenn der gefühlte Druck, etwas ändern zu müssen, zu groß wird. Mit sozialen Großgebilden wie Staaten ist das nicht viel anders, auch wenn die Institutionen hier die Rolle von Stabilisatoren übernehmen. Was aber, wenn Institutionen wie die Parteien, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Einrichtungen der Gesundheits- und Sozialversorgung dieser stabilisierenden Funktion kaum noch nachkommen können? Die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen Diktaturen und Gewaltsystemen, mit seinen Revolutionen und Systemzusammenbrüchen zeigt, dass Vertrauen in die Stabilität gesellschaftlicher Verhältnisse prinzipiell unangebracht ist; die Dinge können ziemlich schnell in Bewegung geraten und sich ebenso schnell jeder Steuerung entziehen. Die Geschichte zeigt auch, dass Menschen unter Bedingungen von Druck und Bedrohungsgefühlen zu Haltungen und Entscheidungen neigen, an die sie nur kurze Zeit zuvor nicht im Traum gedacht hätten.
  • Deshalb sollten die bedenklichen Umfragewerte als Anlass dafür genommen werden, darüber nachzudenken, wie unsere Demokratie modernisiert werden kann. Integration bedeutet Teilhabe, nicht Versorgung, und die muss durch innovative Formen direkter Demokratie gestärkt werden. Es ist absurd: Je besser die Kommunikationsmedien werden, desto weniger sind die Eliten in der Lage, zu vermitteln, was und warum sie etwas tun. Die Zukunft der westlichen Demokratie, wenn sie denn eine hat, liegt in der Erhöhung von Teilhabe und Mitsprache, nicht in ihrer Reduzierung. Weil sich Menschen nur auf diese Weise mit dem Gemeinwesen identifizieren, dass sie selber bilden. Suggeriert der Staat dagegen nur einen Willen zur Integration und Fürsorge, die er gar nicht gewährleisten kann, untergräbt er selbst die Fundamente des Demokratischen. Er verzichtet achselzuckend auf das Engagement derjenigen, die auf der Strecke bleiben. So wird er selbst zum Globalisierungsverlierer - und mit ihm die Demokratie.
  • Der Autor ist Professor für Sozialpsychologie am Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen. Bei S. Fischer erschien kürzlich sein Buch „Klimakriege”.

  • Holt Gott zurück!
  • Aus Peter Hahne: „Schluss mit lustig (johannis- verlag 2004)
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  • Als beim Prager »Forum 2000« führende Persönlichkeiten aus aller Welt über Zukunftsfragen diskutierten, meinte Tschechiens damaliger Staatspräsident Vaclav Havel: »Zunehmende Gottlosigkeit ist mitverantwortlich für die derzeitigen globalen Krisen.« Besonders dramatisch sei der daraus resultierende »weltweite Mangel an Verantwortung«. Die Moral wird privatisiert, gesellschaftliche Maßstäbe und allgemein verbindliche Sinnorientierungen gehen verloren. Als Resultat bleibt der Verlust sozialer Lebensqualität.
  • Halten wir uns den Spiegel vor: Kneipen und Kinos sind voller als Kirchen. Nächstenliebe leidet an Magersucht. Minister schwören nicht zu Gott. Das Goldene Kalb ist populärer als die Zehn Gebote. Nicht Religion und Glaube, sondern Wissenschart und Fortschritt, Konsum und Kommerz sind die stärksten Schubkräfte der Geschichte. Doch schon Goethe analysierte messerscharf: »Alle Epochen, in denen der Unglaube einen kümmerlichen Sieg behauptet, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag.«
  • Deshalb der Appell von Alexander Solschenizyn, der im Juni 1994 zur Titelschlagzeile der »Welt« wurde: »Holt Gott zurück in die Politik!« Der russische Dichter und Denker, Dissident und Nobelpreisträger hat die düstere Prophezeiung seines Autorenkollegen Dostojewski am eigenen Leib im eigenen Land erlebt: »Ein Volk ohne Bindung an Gott geht kaputt. Wenn Gott nicht existierte, wäre alles erlaubt.« Wir bezahlen bitter, was der Mathematiker-Philosoph Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert beschrieb; »Die Mitte verlassen heißt die Menschlichkeit verlassen.« Humanität ohne Divinität führt zur Bestialität. Die Abschaffung Gottes führt nicht ins Vakuum. »Die verlassenen Altäre werden von Dämonen bewohnt« (Ernst Jünger). Der Thron ist leer, aber alle wollen drauf.
  • In der schrecklichen Nazizeit hat sich der arische Wundermensch zu seinem eigenen Gott gemacht. Das Ende kennen wir. Im Mai 1936 schrieb die vorläufige Leitung der evangelischen Kirche an Hitler:
  • »Unser Volk droht die ihm von Gott gesetzten Schranken zu zerbrechen: Es will sich selbst zum Maß aller Dinge machen. Das ist menschliche Überheblichkeit, die sich gegen Gott empört.« Das darf sich nie wiederholen!
  • Der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini fragt uns im Blick auf die Wissenschaftsethik ironisch-besorgt: »Wird der Mensch der Technik nachwachsen?« Die Erkenntnis von Novalis hat sich heute ins Gegenteil verkehrt: »Ein Schritt in der Technik erfordert drei Schritte in der Ethik.«
  • Wie rückschrittlich wir da heute sind, zeigt die Debatte um Lebensschutz und Bioethik. Als gäbe es weder mitmenschliche noch moralische Maßstäbe, werden die Fragen der reinen Zweckmäßigkeit geopfert. Dabei liefert gerade hier die Frage nach Gott und dem Glauben den eigentlichen Fort-Schritt der Humanität. Ein Beweis für seine gesellschaftliche Relevanz und dafür, welch hohen Preis wir für dessen Verlust bezahlen.
  • Die wichtigste Unterscheidung, die der Glaube macht, ist nämlich die zwischen Gott und Mensch. Wenn der Glaube von Gott spricht, meint er den Schöpfer. Und damit weist er dem Menschen seinen Platz zu: als Geschöpf. Das hat fundamentale Wirkung für alle gesellschaftlichen Bezüge. Wenn der Glaube den Menschen in ein Verhältnis setzt, dann verhindert er, dass der Mensch Maß aller Dinge ist.
  • Dass dies alles andere als theoretisches Philosophieren ist und es dabei um alles oder nichts geht, zeigt die aktuelle Diskussion um die Neudefinition des Begriffs Menschenwürde mit dem fatalen Konzept einer »abgestuften Menschenwürde«. Dabei wird der vom Grundgesetz geschützte Wert immer häufiger mit Freiheit, Handlungsfähigkeit, Bewusstsein oder Jugendlichkeit in Verbindung gebracht. Sind diese Kriterien nicht mehr erfüllt, wird schnell statt von einem menschenwürdigen Leben von einem menschenwürdigen Sterben gesprochen.
  • Wohin das führt, erleben wir in Holland hautnah: Während wir in Deutschland noch für Patientenverfügungen werben, geben die Niederländer notariell »Lebenswunsch-Erklärungen« ab. Bereits drei Jahre nach dem bejubelten liberalen Sterbehilfe-Gesetz haben sich die schlimmsten Befürchtungen der Konservativen dramatisch bewahrheitet: Immer mehr alte Menschen sterben durch die Hand des Arztes nicht auf eigenen, sondern ihrer Verwandten (und Erben!) Wunsch. Die Meldepflichten werden einfach ignoriert und die Kriterien der Euthanasie großzügig ausgelegt. In diesem Klima kann es nicht verwundern, wenn die ohnehin unbestimmten Begriffe »unerträgliches und aussichtsloses Leiden« inzwischen auch dazu dienen, die Tötung eines Alzheimerpatienten im Frühstadium (!) der Krankheit zu rechtfertigen. So makaber es klingt: In Holland ist man seines Lebens nicht mehr sicher. Und das gilt für jede Gesetzgebung, die den Menschen zum Maß aller Dinge macht.
  • Holt Gott zurück in die Politik - das heißt dann: Holt das Maß zurück. Den Maßstab, an dem sich alles messen lassen muss. Denn wenn Gott weichen muss und der Mensch an die erste Stelle tritt, sind Extremismus und Fanatismus die Folge. Der atheistische Fundamentalismus ist die größte Bedrohung unserer Gesellschaft. Unter dem Minuszeichen der Gottlosigkeit gerät alles auf die schiefe Bahn. Wo immer in der Welt einer nicht mehr weiß, dass er höchstens der Zweite ist, da ist bald der Teufel los. Der Philosoph Max Scheler nennt es »metaphysischen Leichtsinn« zu meinen, der Mensch könne alles selbst und brauche Gott nicht.
  • Christus oder Chaos - so lautete die provozierende, aber messerscharfe These hellsichtiger Christen nach dem Zweiten Weltkrieg und der barbarischen Nazidiktatur. Zum Beispiel Wilhelm Busch mit seinem noch heute aktuellen Bestseller »Jesus unser Schicksal«. Man kann nämlich den, der zur Rechten Gottes sitzt, nicht einfach links liegen lassen. Und wer vor Gott knien kann, der kann vor Menschen gerade stehen. Es gibt keine Ethik ohne Religion.
  • Ich kann nach keiner Orientierungsmarke segeln, die ich mir selbst an den Bug meines Schiffes genagelt habe. Letzte Ausrichtung, der es kompassgenau zu folgen gilt, kann nur außerhalb von mir sein. Die tapferen Christen der Bekennenden Kirche während des Dritten Reiches hatten das Motto: »Teneo quia teneor« - ich halte stand, weil ich gehalten werde.

  • Überfällige Antworten.
  • Von Günter Nicke
  • Zwei treffsichere Analysen, sowohl eines symptomatischen, aber mehr zufällig ins Auge gekommenen Defekts der Welt, in der wir leben und der sich zu Katastrophen auswachsen wird in der Welt, in der unsere Kinder leben werden, als auch der Abnutzung unserer Staatsdoktrin, auf die wir nach dem Weltkrieg II-Zusammenbruch trotz der Aufoktruierung durch die Siegermächte erst so stolz waren. Und drittens schließlich – zwar in reißerisch-journalistischem Stil geschrieben und dem Leser die teils unpassenden Quellen nur so um die Ohren gehauen – doch in einem wichtigen Punkt ebenfalls so klar in der Analyse wie die beiden anderen, den Verlust des Wertesystems in den politischen Angelegenheiten betreffend.
  • Diese Analysen, die den Texten
  • „Der Zorn der Verdammten“ aus „Blick aus meinem Fenster“ von ORHAN PAMUK, Literatur-Nobel-Preisträger
  • „Die Demokratie – ein Auslaufmodell“ - Immer weniger Deutsche sind von der Demokratie überzeugt. Wer oder was kann sie noch retten? VON HARALD WELZER aus „Die Welt“ 2.8.2008
  • „Schluss mit lustig“ von Peter Hahne, Kapitel ‚Holt Gott zurück’ Seite 84 ff.
  • entnommen sind, schreien nach Antworten, nach realisierbaren Visionen zur Überwindung der Existenzkrise der ganzen Gattung ‚Mensch’ auf unserem von außen immer noch so überirdisch herrlich anmutendem Planeten.
  • Aber wo einhaken, wo anfangen, wo aufhören?
  • Zunächst, wer hier mitmachen will, muss vorher die angegebenen Texte lesen und deshalb sind sie einleitend wiedergegeben.
  •  Warum gerade diese Texte? Weil sie gerade zur Hand waren, weil sie inspirierten zu dem hier Niedergeschriebenen. Natürlich gibt es viele andere Ansatzpunkte für solch ein essentielles Thema. Lasst es uns ‚Zufall’ nennen, dass es gerade diese Autoren sind, die Anlass für die folgenden Betrachtungen sind.
  • Wir konstatieren: Die Welt, in der wir leben, ist seit längerer Zeit aus dem Gleichgewicht geraten; erst unmerklich, weil niemand einen global umfassenden Blick hatte - noch nicht haben konnte. Aber heute - im Zeitalter der erdumspannenden Informationsnetzwerke - könnte jeder diesen Blick haben, wenn er denn durch Erziehung und Bildung darauf vorbereitet worden wäre. Pessimismus und kollektive Depression greifen um sich in den Gebieten des relativen materiellen Wohlstandes, Zorn und Wut über ein durch den Egoismus der reichen Länder und der lokalen Machteliten verursachte Unmöglichkeit, der puren Not zu entrinnen, ruinieren die menschliche Würde in den mehrheitlich armen Gegenden des Planeten. Für alle wird die Luft zum Atmen knapp; Kriege um immer knapper werdendes Süßwasser werden für die Zukunft prognostiziert. Wie kam es zu diesem Ungleichgewicht? Rekapitulieren wir kurz:
  • Die Religion des Christentums trat ihren Siegeszug noch in der antiken Welt an. In dem es das klassische Altertum in der mediterranen Weltsphäre ablöste, mutierte es unter dem Einfluss der von Nord-Osten herandrängenden Völkerwanderung zum mittelalterlichen Abendland. Der Einfluss der jüdischen Religion, der seine Wiege war, wurde einerseits weiter marginalisiert, andererseits aber assimiliert. Im zunächst fränkisch dominierten Abendland wurde es zur Herrscher-Legitimation sowohl im politischen (Kaiser, Könige, Fürsten) wie auch im geistigen Bereich (Papst, Kirche) bei gleichzeitig inhaltlich fortschreitender Degeneration des mit der Ursprungsoffenbarung verkündeten Wertekodex.
  • Das mittlere Mittel- und das Spätmittelalter sah dann die Auseinandersetzung mit dem Islam, der sich schon ansatzweise als Fortsetzer und Vollstrecker des Christentums sah und sich zunächst östlich der mediterranen Welt ungehemmt ausgebreitet, auf der iberischen Halbinsel eine der kulturell fruchtbarsten Exklaven gebildet hatte und nun durch die Vereinnahmung der heiligen Stätten des Christentums im nahen Osten die Machteliten des Abendlandes provozierte.
  • Die Folge waren die Kreuzzüge und die Reconquista auf der iberischen Halbinsel. Diese beiden Phänomene zusammen mit einem letzten Aufflammen von kulturellen Höhepunkten in dem politisch schon angezählten Byzanz leiteten im Abendland das Zeitalter der Renaissance ein. Diese Wiedergeburt bewirkte nicht nur die Rückbesinnung auf die Kultur der Antike, die zwar durch fanatische Christianisierung - sowohl durch christlich-orthodoxen als auch -katholischen Einfluss im Abendland als ‚satanisch’ systematisch verdrängt und zerstört worden war, sondern auch die Öffnung gegenüber der islamischen Kultur, die gerade im Begriff stand, ihren Zenith zu überschreiten. Diese Öffnung war es insbesondere, die die in dieser Kultur aufbewahrten Erkenntnisse der Antike, aber auch weiter entwickelten Werte wieder oder neu zugänglich machte und darüber hinaus eine Brücke zu mittel- und fernöstlichen Kultureinflüssen bildete. Die Wissenschaften im Abendland begannen zu blühen, zwar anfänglich gegen den harten Widerstand der geistlich-kirchlichen Eliten (Inquisition), aber dann bei schwächer werdendem Widerstand trat eine Säkularisierung ein, die vor allem den Naturwissenschaften fruchtbare Freiräume eröffnete.
  • Mit Kolumbus begann das Zeitalter der Entdeckungen, dass letztlich die Schaffung der großen Kolonialreiche (Spanien, Portugal, Niederlande, England und Frankreich) bewirkte.
  • Die von kirchlicher Indoktrinierung befreite abendländisch-westliche Wissenschaft einerseits und die Kolonisierung andererseits bewirkten eine weitgehende politisch-wirtschaftliche Einverleibung fast des ganzen Planeten in die inzwischen etablierten Nationalstaaten des Westens, Hand in Hand gehend mit einer schamlosen Ausbeutung der unterworfenen Völker, deren Menschen ohne jede Rücksicht auf den christlichen Werte-Kanon dabei als Untermenschen, teilweise wie Tiere angesehen wurden (Sklaverei bis in die Neuzeit hinein).
  • Die bis in unsere Moderne hineinreichenden Auseinandersetzungen zwischen den in Konkurrenz stehenden europäischen Nationalstaaten (nach deren Schwächung neuerdings wieder zwischen USA und Russland) wurden in Form von nie da gewesenen Weltkriegen oder ungezählten lokalen Konflikten der ganzen Menschengemeinschaft des Planeten aufoktruiert.
  • Natürlich greift ein solcher Versuch, die oben skizzierte Weltlage historisch hinreichend zu erklären, viel zu kurz. Umfassendere Studien – wie z.B. die des englischen Geschichtsphilosophen Arnold Toynbee in seinem Werk „A Study of History“ wären neben vielen anderen heranzuziehen. Dennoch, Orhan Pamuks Analyse der Probleme unserer Zeit wird durch die kurzen Bemerkungen hinreichend erklärt und verstehbar.
  • Was die Abnutzung der demokratischen Staatsdoktrin betrifft, die den Machtmissbrauch und die Unterdrückung der zuvor kolonialisierten und dann bis heute systematisch ausgebeuteten übrigen Welt sichern half, so beschreibt der Artikel von Harald Welzer neben dem Prozess als solchem auch ansatzweise die Ursachen der Vertrauenserosion in dieses System. Auch hier ist die Hauptursache in einer Degeneration der mit der Französischen Revolution eingeführten Wertsurrogate „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu sehen, die eigentlich die ethisch-moralischen Grundwerte der Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts bilden sollten. In der islamischen Welt seit je suspekt, ist das Wort „Demokratie“ heute zur leeren Worthülse verkommen. „Volksherrschaft“ hat es in Wirklichkeit nie gegeben, denn dazu hätte es einer durch Erziehung und Bildung mit politischer Verantwortung ausgestatteten Bevölkerung bedurft.
  • Das Wichtigste aber hat Peter Hahne - zwar ausweislich seines Buches aus einer erzkatholisch konservativen Ecke kommend – treffsicher erkannt, in dem er Dostojewski zitiert: „Ein Volk ohne Bindung an Gott geht kaputt“.
  • Dostojewski meint damit sicher nicht den Gott der russisch-orthodoxen Kirche, nicht den katholischen oder evangelischen Gott, aber auch nicht den Gott des Islam, des Hinduismus, der Gott der Zarathustrier usw. Vor allem meint er nicht den Gott, auf den sich die degenerierten Machteliten von Kirchen, Mullahs oder Politikern berufen. Er meint viel mehr den Einen Gott aller Menschen - ganz gleich, welchen Namen sie ihm auch beigeben - , der als einzige Instanz mit unanfechtbarer Autorität über welchen Verkünder Seines Wortes auch immer in der Lage ist, ethisch und moralische Werte bzw. Wertsysteme einzusetzen oder zu widerrufen an Orten und zu Zeiten, die er für richtig und erforderlich hält. Die Geschichte der Menschheit - vor allem die Geschichte der seit etwa 6000 Jahren in Gang gekommene Kulturgeschichte unserer Spezies – ist auch und vor allem eine Geschichte dieser Offenbarungen. (siehe.Toynbee, A Study of History a.a.O)
  • Aus der durch die drei zitierten und wiedergegebenen Beiträge von Orhan Pamuk, Harald Welzer und Peter Hahne angestoßenen Analyse und der sicher zu unvollständig geratenen Darstellung der historischen Entwicklung zu unserer Gegenwart hin ergeben sich die folgenden, nun langsam überfälligen Antworten, die trotz der bedrängenden Situation bislang nur visionär-strategischen, denn taktisch-realisierbaren Charakters sein können:
  • 1.    Die ganze Menschheit braucht eine Rückbesinnung auf die drei Urfragen unserer gemeinsamen Existenz als Spezies:
  • a.    Woher kommen wir?
  • b.    Wohin gehen wir?
  • c.     Warum existieren wir?
  • 2.    Wir benötigen die Rückbesinnung auf die, und zweifelsfreie Sicherheit in der Tatsache, dass alle Kultur-Evolution auf durch Offenbarung gegebene Werte-Codices beruht, also von außerhalb der Gesellschaft stammt, also überirdischen Ursprungs ist.
  • 3.    Es ist in diesem Augenblick der Menschheitsgeschichte von allerhöchster Dringlichkeit, dass sich jeder Mensch – unabhängig von Bildungsstand und sozialem Status – auf die Suche nach dem durch neue Offenbarung gesandten für uns Heutige geltenden Wertecodex macht.
  • 4.    Wir dürfen sicher sein, dass dieser Wertecodex bereits existiert, denn das lehrt uns die Kulturgeschichte der Menschheit seit mehr als 6000 Jahren in den verschiedenen Regionen des Planeten.
  • 5.    Eine mehr oder weniger banale Erkenntnis kann uns bei dieser Suche helfen: Der eine neue Kulturblüte schaffende durch eine neue Offenbarung gesandte Wertecodex kann sich nicht mehr nur auf eine im Niedergang befindliche regionale Kultur, sondern muss für die ganze planetare Gattung Mensch gelten, weil die gegenwärtige Existenzkrise die Menschheit als Ganzes auf unserem Planeten betrifft.
  • Je eher die Suche erfolgreich ist, d.h., je eher eine gewisse Zahl von Menschen, vergleichbar mit der kritischen Masse für die Kernspaltung in der Atomphysik erreicht ist, die sich in den Dienst dieses neuen Wertesystems stellen, desto eher wird der enorme gegenwärtige Leidensdruck von der Mehrzahl

Hallo Welt!

8. August 2006

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